Zertifizierter Natur- und Landschaftsführer (ZNL) zu werden ist nicht schwer, es zu sein dagegen sehr. Zumindest in den Regionen Dresden und Umland, Elbsandsteingebirge und Osterzgebirge sind ZNL alles andere als auf Rosen gebettet. Während sie ihre persönlichen Beziehungen spielen lassen müssen, um zu überleben – und im übrigen bei Reiseveranstaltern und regionalen “Touristikern” betteln gehen müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden – sind ihre Kollegen auf der Schwäbischen Alb schon ein gutes Stück weiter.
Der Schwäbische Alb Tourismusverband e.V. versteht den Tourismus auf der Schwäbischen Alb als Qualitätsprodukt und die Zertifizierten Natur- und Landschaftsführer als wichtiges Qualitätsmerkmal neben anderen. Um sich auch weiter als Spitzendestination für herausragende Freizeiterlebnisse zu profilieren, plant der Schwäbische Alb Tourismus die Ausbildung von Gästeführern und Gästeführerinnen zu Zertifizierten Natur- und Landschaftsführerinnen nach den BANU-Kriterien und die Bündelung bereits existierender Gästeführergruppen unter dem Qualitätsbegriff “Schwäbische Alb Gästeführer”. Vom hierzulande weit verbreiteten Kirchturmdenken und einer gewissen Wagenburgmentalität mancher Player gibt es auf der Schwäbischen Alb offenbar keine Spur.
Angesichts der schwäbischen Qualitätsoffensive müßten bei manchen “Touristikern” in Dresden und seinem Umland, dem Osterzgebirge und der InterNationalparkregion Sächsisch-Böhmische Schweiz die Alarmglocken schrillen. Versteht man sich doch in diesen Destinationen bereits jetzt als touristische Marke mit Alleinstellungsmerkmal. Der Zuwachs der Besucherzahlen in der Sächsischen Schweiz auf 2,9 Mio. Gäste im Jahr 2009 wird gern als Beleg wachsender Beliebtheit ins Feld geführt. Von weiteren Steigerungen der Besucherzahlen auf 4 Mio. und mehr p.a. ist gar schon die Rede. Abgesehen davon, daß eine weitere Ausweitung der Quantität nicht zwangsläufig zu einer Erhöhung der Qualität führt, bergen weiter steigende Besucherzahlen erhebliche Risiken. Bereits jetzt sind die Verkehrs- und touristische Infrastruktur zu Spitzenzeiten mancherorts grenzwertig ausgelastet, vom stark gestiegenen Nutzungsdruck auf die teilweise hochsensible Natur- und Kulturlandschaft ganz zu schweigen. Es darf gerätselt werden, wie der dringend notwendige Ausbau z.B. der Verkehrsinfrastruktur angesichts von Wirtschaftskrise und zunehmender Staatsverschuldung bewerkstelligt werden soll. Hinzu kommen ungelöste Fragen des Natur- und Umweltschutzes, beispielsweise die folgende: Wieviel Massentourismus kann und will sich die Nationalparkregion Sächsische Schweiz noch leisten, ohne das Schutzziel des Nationalparks ad absurdum zu führen?
Wie wäre es, wenn man begänne, Tourismus neu zu denken und als “Grünen Tourismus” zu organisieren? Wenn man nicht mehr Massentourismus mit gigantischem Individualverkehr oder busladungsweise Großgruppen fördern würde, sondern das individuelle Natur- und Landschaftserlebnis in kleinen Gruppen? Und wie wäre es, wenn nicht mehr Investitionen in Sachwerte gefördert würden, sondern endlich die in Menschen?
Wenn es gelänge, nur 3 Prozent der 2,9 Mio. Besucher der Sächsischen Schweiz für Angebote des sanften, umweltschonenden “Grünen Tourismus” zu begeistern, dann hätten die “Schweizführer” auf einen Schlag 87.000 Gäste mehr für ihre Führungen, Wanderungen und sonstigen Aktivitäten. Sie könnten plötzlich von ihrer Arbeit leben und würden dafür sicher gern die eine oder andere Überstunde in Kauf nehmen. Auch auf den regionalen Arbeitsmarkt würde sich diese Art von Wachstum sicherlich belebend auswirken. Die Kolleginnen und Kollegen in anderen Regionen hätten wahrscheinlich ebenfalls nichts gegen soviel Beschäftigung. Um ganze 3% des gegenwärtig in der Region schon verfügbaren Potentials zu heben, bedarf es “nur” eines Umdenkens: nicht im möglichst unbegrenzten Wachstum der Gästezahlen, sondern in der konsequenten Ausschöpfung aller vorhandenen Potentiale liegt das Geheimnis des Erfolgs! Dazu braucht es völlig neue, konsequent am “Grünen Tourismus” ausgerichtete Produkte und vor allem eine Bündelung der Kräfte in Marketing und Vertrieb. Denn nicht das Produkt entscheidet über den Erfolg, sondern erst sein Kauf.
