Wandern ist langweilig und vor allem etwas für frustrierte, depressive Singles im letzten Viertel des Lebens? Wohl kaum, denn die am 12.03.2010 auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin vorgestellte wissenschaftliche Studie kommt zu ganz anderen und durchaus überraschenden Erkenntnissen.
Für die vom Deutschen Wanderverband initiierte und vom Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi) geförderte erste nationale Grundlagenuntersuchung zum Thema Wandern wurden insgesamt 3.000 Teilnehmer ab 16 Jahren telefonisch und 4.500 Wanderer in Vor-Ort-Interviews befragt. Zusätzlich wurden Expertengespräche und bestehende Studien ausgewertet. Begleitet wurde das Projekt durch einen Beirat, bestehend aus führenden Organisationen und Verbänden des deutschen Wandertourismus: Bayern Tourismus und Marketing GmbH, BMWi, Deutscher Alpenverein, Deutscher Wanderverband, Deutsche Zentrale für Tourismus u.a..
Im einzelnen kommt die Studie u.a. zu folgenden Ergebnissen:
- 39,8 Millionen Deutsche wandern, das ist mindestens jeder zweite Deutsche über 16 Jahren.
- Gewandert wird unabhängig von Geschlecht und Alter: Allerdings sind die Älteren regelmäßiger unterwegs: jüngere Wanderer eher ein- bis zweimal jährlich, Wanderer ab 60 mehrmals im Monat.
- Die Unterschiede zwischen Spazierengehen und Wandern sind geringer als gedacht: Wer spazieren geht, ist durchschnittlich 1 Stunde und 22 Minuten unterwegs, wer sagt, daß er wandert, 2 Stunden und 39 Minuten.
- Wanderer fühlen sich nach einer Wanderung zu 90% “insgesamt besser”, zu 82,7% “glücklich und zufrieden”, zu 73,8% “seelisch ausgeglichener”.
- Die aktiven Wanderer geben jährlich über 90 € für Ausrüstungen aus, insgesamt betragen die Ausgaben für Wanderausrüstungen 3,7 Milliarden €.
- Der wandernde Tagesausflügler gibt vor Ort 16 € pro Tag aus, der übernachtende Wanderer 57 € (zuzüglich An- und Abreise).
- Wandern stellt laut Studie die Freizeitaktivität in Deutschland dar. Insgesamt werden im Jahr 370 Millionen Tagesausflüge unternommen, bei denen gewandert wird.
- Weiterhin werden 8,7 Millionen Urlauber gezählt, die mindestens 1 Wanderung im Urlaub machen.
- 30,3 Millionen Übernachtungen im Jahr können dem Bereich wandern zugeordnet werden.
- 46% der Wanderer laufen ohne Orientierungshilfe wie Karte, Kompaß oder GPS und verlassen sich nur auf die Markierungen der Wanderwege.
Die vollständige Druckversion der Dokumentation kann beim Deutschen Wanderverband für 6 € zzgl. Versand bestellt werden.
(Quelle: Deutscher Wanderverband, Pressemitteilung Nr. 6 vom 12.03.2010; Kontakt: Ingo Seifert-Rösing, Tel.: (0561) 938 73 14, E-Mail: i.seifert@wanderverband.de)
Die präsentierten Ergebnisse lassen Fragen offen und regen zum Nachdenken an. Vorsicht vor der großen Zahl! Wer wirklich glaubt, die Hälfte der Deutschen wären aktive Wanderer, der sehe sich mal im Winterhalbjahr oder bei unsonnigem Wetter in unseren bekanntesten Wandergebieten um – von den weniger bekannten ganz zu schweigen. Und wenn das immer noch keinen erhellenden Aufschluß geben sollte: einfach mal ein paar Gastronomen fragen, warum ihre Lokalitäten im Winterhalbjahr geschlossen sind…
Und ob die Durchtrassierung unserer sensibelsten Natur- und Kulturlandschaften – Stichwort: “Ein dichtes Netz von gut markierten Wanderwegen ist die Basis für den Wandermarkt in Deutschland.” der Weisheit letzter Schluß ist, darf getrost bezweifelt werden. Abgesehen von den Folgekosten kann die Erhöhung des Nutzungsdrucks auf sogenannte Massendestionationen und die langfristige optische Verschmutzung einstiger Naturlandschaften im 21. Jahrhundert keine Lösung mehr sein; sie ist längst Teil des Problems.
Warum sucht man nicht ausnahmsweise mal eine menschliche Lösung? Indem man beispielsweise unsere vorhandenen, bestens ausgebildeten und hochmotivierten Wanderleiter, Gästeführer und Zertifizierten Natur- und Landschaftsführer – die Aufzählung stellt keine Wertung dar – als regionale Dienstleister wahrnimmt, nutzt und angemessen – sprich: auskömmlich! – bezahlt? Dieses Geld wäre wirklich gut investiert, weil regional und nachhaltig arbeitend…
